Rentner droht Strafe: Wird "Pinocchio"-Kommentar über Merz zum Präzedenzfall?

Hiltrud Jockel
Hiltrud Jockel
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Eine Gruppe von Polizisten in Uniform steht vor einer Menge von Menschen in schwarzen Uniformen und Masken, mit einer Brücke und einem Gebäude im Hintergrund, während einer Demonstration in einer Stadt.Hiltrud Jockel

Rentner droht Strafe: Wird "Pinocchio"-Kommentar über Merz zum Präzedenzfall?

Deutsche Behörden ermitteln gegen einen Rentner aus Heilbronn, der Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Facebook-Kommentar als "Pinocchio" bezeichnete. Der Fall hat Kritik von einer hochrangigen US-Diplomatin ausgelöst, die Parallelen zu dem veralteten Straftatbestand der Majestätsbeleidigung zog. Unterdessen setzt die Trump-Regierung ihre Angriffe auf den europäischen Umgang mit der Regulierung von Online-Äußerungen fort.

Die Ermittlungen folgen einem Muster strenger Durchsetzung nach Paragraf 188 des deutschen Strafgesetzbuchs, der Beleidigungen gegen politische Amtsträger unter Strafe stellt.

Ausgelöst wurde das Verfahren, nachdem die Heilbronner Polizei Kommentare unter einem eigenen Facebook-Post zu Merz' Besuch überprüft hatte. Ein Rentner hatte den Kanzler darin als "Pinocchio" bezeichnet und ein Emoji mit einer langen Nase hinzugefügt. Die Beamten meldeten die Äußerung und leiteten sie an die Staatsanwaltschaft weiter – gestützt auf Paragraf 188, der für solche Verstöße Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vorsieht.

Nicht zum ersten Mal sorgt der Spitzname für Aufsehen: Sowohl die Grünen-Politikerin Franziska Brantner als auch der AfD-Abgeordnete Stephan Brandner hatten Merz zuvor in sozialen Medien als "Pinocchio" bezeichnet. Die rechtspopulistische AfD versuchte im Januar 2025 vergeblich, Paragraf 188 abzuschaffen; der Bundestag lehnte den Antrag ab.

Die Kritik an dem Gesetz nahm seit 2024 zu, als die Polizei die Wohnung eines weiteren Rentners durchsuchte, weil dieser Wirtschaftsminister Robert Habeck als "Idioten" bezeichnete. Erst kürzlich unterstrich der Fall der sogenannten Schwachkopf-Affäre die harte Linie der Justiz: Im Juni 2025 wurde Stefan Niehoff zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er Beiträge mit verbotenen Symbolen geteilt hatte – obwohl die Staatsanwaltschaft die ursprüngliche Beleidigungsklage als zu geringfügig fallen ließ.

Die US-Diplomatin Sarah Rogers verurteilte die aktuellen Ermittlungen als "Rückfall in die Zeiten der Majestätsbeleidigung" und warnte vor einer Einschüchterung der Meinungsfreiheit. Die Trump-Administration steht seit Langem in Konflikt mit Europa über Gesetze zur Inhaltsmoderation, die sie als unvereinbar mit amerikanischen Werten der freien Rede ansieht.

Der Fall des Rentners nährt die anhaltende Debatte über Deutschlands strenge Regeln bei politischen Beleidigungen. Zwar zeigen Gerichte in Bagatellfällen mitunter Flexibilität, doch bei symbolträchtigen Verstößen bleibt die Strafverfolgung konsequent. Zugleich spiegeln die Ermittlungen die grundsätzlichen Spannungen zwischen den US-amerikanischen und europäischen Ansätzen zur Regulierung von Online-Äußerungen wider.

Nun müssen die Staatsanwälte entscheiden, ob sie Anklage nach Paragraf 188 erheben.

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